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Digitale Erinnerung an jüdische Bürgerinnen und Bürger in Borken

Die Grabinschriften der jüdischen Friedhöfe in Borken und Borken-Gemen sind nun beim Salomon-Ludwig-Steinheim-Institut dokumentiert und online abrufbar

Grabstein der Jettchen Cossmann (geb. 22.3.1858 - gest. 2.6.1924), der als Nr. 32/54 in der Datenbank des Steinheim-Instituts dokumentiert ist.

Drei jüdische Friedhöfe existieren im Stadtgebiet Borken. Sie sind stille Orte, sie werden kaum frequentiert, doch sie zählen zu den wenigen verbliebenen Zeugnissen der beiden einst vitalen jüdischen Gemeinden Borken und Gemen. Im jüdischen Glaubensverständnis sind sie wichtiger als Synagogen. „Auf Ewigkeit angelegt. Das Grab für alle Zeiten Eigentum des Toten“, so hat die Schriftstellerin Barbara Bronnen ein Grundprinzip jüdischer Begräbniskultur beschrieben: das ewige Ruherecht der Verstorbenen, die Dauerhaftigkeit der Grabstätten. „Hier ruhen die Toten vor Auschwitz“, lässt sich mit Barbara Bronnen sagen, „Menschen, die noch eines natürlichen Todes sterben durften und die von den Leiden ihrer Kinder und Kindeskinder, die nie begraben wurden, nichts wissen konnten.“

Das älteste erhalten gebliebene Grab des Borkener Judenfriedhofs ist gut 120 Jahre alt und zählt zu den Gräbern einer Generation, die bereits das 19. Jahrhundert durchlebt hat. So wurde Salomon Windmüller 1816 geboren, Esther Hirsch und Philippine Braunstein kamen 1819 zur Welt. Sie haben Jahrzehnte erlebt, die von dem Ringen der eigenen Gemeinschaft um Emanzipation, um die rechtliche Gleichstellung als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens bestimmt waren; Jahrzehnte, die auch in Borken und Gemen bis zum Ende der Weimarer Zeit geprägt waren von mancherlei antijüdischen Vorbehalten der Mehrheitsgesellschaft einerseits, von einem zunehmend gedeihlichen Nebeneinander und einem wachsenden Miteinander andererseits.

Die Menschen, die auf den jüdischen Friedhöfen in Borken und Gemen bestattet sind, waren Nachbarn unserer Großeltern und Urgroßeltern. Ihre Grabsteine sind einer fortschreitenden Verwitterung ausgesetzt. Der Borkener Theologe und Pädagoge Walter Schiffer hat die erhalten gebliebenen Inschriften dank seiner profunden Hebräisch-Kenntnisse in den vergangenen Jahren sorgfältig dokumentiert und ins Deutsche übertragen. Damit ist ein ebenso wichtiger wie interessanter Bestandteil des städtischen Kulturerbes vor dem Zahn der Zeit gerettet worden.

Nach Übermittlung des Gemener Bestandes sind die Ergebnisse als Datensätze nunmehr vollständig in die Internet-Datenbank des Salomon-Ludwig-Steinheim-Insti<wbr />tuts für deutsch-jüdische Geschichte (Essen) aufgenommen worden. Das Steinheim-Institut, das bundesweit führend in der Dokumentation und Erforschung jüdischer Friedhöfe ist, hat in seiner Online-Datenbank Epidat mittlerweile digitale Editionen der Grabstein-Inschriften von fast 200 jüdischen Friedhöfen mit über 35 <wbr />000 Grabmalen erfasst. Die drei jüdischen Friedhöfe des Stadtgebiets Borken verzeichnet und unter folgenden Adressen abrufbar sind:

Durch Klicken auf „Inschriften“ gelangt man auf die erste Seite und kann sich dann mit dem Doppelpfeil >> durch den Bestand bewegen. Dort können die einzelnen Inschriften, Erläuterungen und Grabsteinfotos eingesehen werden.

Vertiefende Informationen über die Geschichte dieser drei Friedhöfe und eine kurze Einführung in die jüdische Grabsteinkultur bietet der kleine Leitfaden „Die Jüdischen Friedhöfe in Borken und Gemen“, den Walter Schiffer zusammen mit Mechtild Schöneberg und Thomas Ridder 2018 unter der Ägide des Jüdischen Museums Westfalen (Dorsten) veröffentlicht hat. Der Leitfaden ist zum Preis von 5,00 Euro beim Ticket-Center der Borkener Zeitung, bei der Borkener Tourist-Info und im Stadtarchiv Borken erhältlich.