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Gemeinsamer Nachruf zum Tod von Gershon Kaddar (Carl Gans)

Gershon Kaddar (Mitte) im Alter von 88 Jahren bei seinem Besuch in Borken am 9. November 2008 anlässlich der städtischen Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der antisemitischen Novemberpogrome. Links neben ihm seine Schwägerin Fredi Kaddar, rechts seine Schwiegertochter Michal Kaddar, ganz rechts sein Großneffe Assif Ziv. Ganz links der damalige Bürgermeister Rolf Lührmann (Foto: Ralf Emmerich).

Gershon Kaddar im Alter von 88 Jahren (Foto: Ralf Emmerich, Bildausschnitt)

GEMEINSAMER NACHRUF

 

„… das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“

Wir trauern um einen ehemaligen jüdischen Bürger unserer Stadt, der durch Emigration der nationalsozialistischen Verfolgung entkam und später die Verständigung suchte. Wir trauern um einen klugen, liebenswürdigen, aufklärerischen und großherzigen Menschen, wir trauen um

Gershon Kaddar (Carl Gans)
geb. 23.5.1920 in Borken – gest. 18.03.2020 nahe Tel Aviv

Gershon Kaddar wuchs unter dem Namen Carl Gans als ältester Sohn des jüdischen Stadtverordneten Moritz Gans und seiner Frau Else Gans in Borken auf. Nach einer unbeschwerten Kindheit besuchte er ab 1930 das städtische Gymnasium, auf dem er nach 1933 einer wachsenden Stigmatisierung durch einzelne, rassistisch gesonnene Lehrer ausgesetzt war, gegen die er sich erfolglos zur Wehr setzte.

Mit 16 Jahren ließen ihn seine Eltern 1936 schweren Herzens zu Verwandten nach Palästina emigrieren und nahe Tel Aviv eine landwirtschaftliche Fachschule besuchen, wo er seinen hebräischen Namen annahm. Er wurde Mitglied der zionistischen Selbstverteidigungsorganisation Hagana, trat 1941 der britischen Armee bei, die in Nordafrika gegen die deutsche Wehrmacht kämpfte, und nahm an der alliierten Landung in Italien teil, um die Herrschaft Hitler-Deutschlands über Europa überwinden zu helfen. Seit Anfang 1945 unterstützte er das illegale „Schleusen“ von Überlebenden der Judenverfolgung nach Palästina, indem er die Leitung des jüdischen Flüchtlingslagers Camp Dror nahe der süditalienischen Hafenstadt Bari übernahm. Wie er überlebten auch seine Eltern und seine beiden Brüder Manfred und Theo die nationalsozialistische Judenverfolgung in Europa und begründeten in Israel und den USA ein erfolgreiches Leben.  

In der Nachkriegszeit engagierte sich Gershon Kaddar für den Aufbau seiner neuen Heimat Palästina / Israel, arbeitete als Agrarökonom und Finanzspezialist für landwirtschaftliche Entwicklung, war seit 1972 zeitweise für die Weltbank tätig und lebte mit seiner Familie fünf Jahre lang in Washington.

Aus den Erfahrungen der NS-Herrschaft gewann Gershon Kaddar die Überzeugung, dass das eigene Überleben nur gesichert und Unrecht nur abgewendet werden kann durch couragiertes und notfalls wehrhaftes Verhalten. Trotz des Verlusts der Heimat, der erlittenen Diskriminierung und der Ermordung vieler Verwandter in der Shoah bewahrte er eine Verbundenheit zu seiner Heimatstadt, deren Fundament das unbeschwerte Familienleben während der Kindheit und seine eigene Fähigkeit zu differenzierender Erinnerung und Geschichtsbetrachtung waren.

Mit 68 Jahren folgte er zusammen mit seinen Brüdern und vielen anderen Shoah-Überlebenden 1988 der Einladung der Stadt Borken, die Heimatstadt zu gemeinsamem Gedenken zu besuchen. Bei seinen vielen regelmäßigen Besuchen in Borkener Schulen beeindruckte er in den Folgejahren nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern auch Lehrerinnen und Lehrer durch seine bewegte Lebensgeschichte, sein Engagement für Verständigung und Versöhnung und durch seine Zuversicht, dass die Menschen unserer Stadt, insbesondere die junge Generation, aus der Geschichte lernen würden und dass der Schlüssel dafür in wahrhaftiger Erinnerung und Begegnung liege. Vorbehaltlos hat er den Kontakt zu den Menschen unserer Stadt wiederaufgenommen und gepflegt, Freundschaften geschlossen und bis heute anhaltende Spuren hinterlassen.

Wir alle verlieren in Gershon Kaddar einen so wertvollen wie liebenswerten Gesprächspartner und Freund, den wir mit großem Respekt und Dank in Erinnerung behalten werden. Unser Mitgefühl gilt seiner ganzen Familie, insbesondere seinen Kindern und Neffen und Nichten, die ihn in den letzten Jahren begleitet haben. 

 

Für Bürgerschaft, Rat und Verwaltung der Stadt Borken
Mechtild Schulze Hessing (Bürgermeisterin)

 

Arbeitskreis jüdische Geschichte in Borken und Gemen e.V.

 

Die in der Erinnerungsarbeit engagierten Borkener Schulen

 

Freundinnen und Freunde

Susanne Botschen, Rita Farwick, Dr. Norbert Fasse, Christel König, Annette Grümer-Weyers, Friederike Krämer-Brand, Haidrun Lügger, Hans-Jörg Modlmayr, Hildegard Modlmayr-Heimath, Michaela Müller, Dr. Andreas Poll, Gerlind Poll, Thomas Ridder, Ellen Schindler-Horst, Hartmuth Schlüter-Müller, Mechtild Schöneberg, Maria Wolters-Höyng, Ortwin Wolters